Eine Schweizerin in Brisbane

Interview: Lou Spichtig jetzt beim Queensland Ballet

Die 19-Jährige Schweizer Ballerina Lou Spichtig absolvierte eine professionelle Ausbildung zur Bühnentänzerin an der Tanzakademie Zürich und schloss 2015 mit einem Eidgenössischen Fähigkeitszeugnis ab. Auf internationalen Wettbewerben gewann sie zahlreiche Awards: drei Goldmedaillen – beim Varna International Ballet Competition 2016, beim Youth America Grand Prix 2013 und beim Tanz-Olymp 2012 in Berlin. Lou war die beste Schweizer Kandidaten 2015 beim begehrten Prix de Lausanne und gewann den Publikumspreis sowie den Studienpreis Tanz Migros-Kulturprozent 2013.

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Ihr erstes Engagement erhielt Lou 2015 beim Junior Ballett Zürich. Seit Oktober 2016 tanzt die junge Ballerina im Corps de Ballet des Queensland Ballet in Brisbane.

Seit Oktober 2016 hast Du ein Engagement als Company Artist beim Queensland Ballett in Brisbane? Was hat Dich gereizt, nach Australien zu gehen?

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Foto: Robin Heizmann

Ich wollte eine andere Kultur erleben, mal raus aus meiner Komfortzone. Mein Ziel war es, in einer vorwiegend klassischen, nicht zu grossen Kompagnie zu tanzen, sodass ich oft auftreten darf.

Das Queensland Ballett entwickelte und vergrösserte sich in den letzten Jahren enorm, seit Li Cunxin Ballettdirektor ist. Li besitzt internationale Anerkennung und lädt weltbekannte Choreografen zur Zusammenarbeit ein. Zum Repertoire gehören neoklassische, moderne und vor allem drei klassische Produktionen, aktuell Schwanensee, La fille mal gardée und Nussknacker.

Im Jahr werden 100 bis 120 Vorstellungen angeboten. Die Kompagnie besteht aus 40 jungen Tänzerinnen und Tänzern mit einem Durchschnittsalter von 25 Jahren. Letztes Jahr wurde Nussknacker 23 Mal aufgeführt, mit 5 verschiedenen Besetzungen. Somit haben wir viele Auftrittsmöglichkeiten in verschiedenen Rollen, um Bühnenerfahrung zu sammeln.

Was ist hier anders als beim Ballett Zürich? Wie ist Dein Arbeitsalltag?

Die Arbeitszeiten sind gleich wie in Zürich. Allerdings dauert das Training 15 Minuten länger – Zeit, an speziellen Show- Effekten wie grossen Sprüngen und Codas zu arbeiten, die das Corps de Ballet sonst nicht probt. Im Training muss ich Vollgas geben, um mich täglich zu verbessern, aber trotzdem meine Energie für die sechs Stunden dauernden Proben einteilen.

Mir gefällt, dass die Vorstellungen blockweise angeboten werden. So arbeiten wir sechs Wochen intensiv und konzentriert an Schwanensee und danach sechs Wochen an Triple Bill. Hier erhält man als Individuum viel Aufmerksamkeit. Ich fühle mich wohl, da viele Kompagniemitglieder auch am Anfang ihrer Ballettkarriere sind.

In Zürich schätzte ich die Ratschläge erfahrener Tänzerinnen. Als ich beim Ballett Zürich als 17-Jährige anfing, war ich sehr unsicher und für jede Unterstützung dankbar.

Deine Ballett-Ausbildung hast Du ausschliesslich in der Schweiz gemacht. Ist es wichtig für eine junge Tänzerin, Auslandserfahrung zu sammeln?

Ich hatte grosses Glück, sieben Jahre eine Ausbildung an der Tanzakademie in Zürich mit dem höchsten Standard erhalten zu haben. Der Einstieg in die Theaterwelt gleich nach der Schule war trotzdem eine grosse Umstellung. Da war ich froh, dass ich zu Hause in der Schweiz war.

Ich denke aber für junge Tänzer ist es wichtig, einen anderen Stil und andere Arbeitsweisen kennen zu lernen. An den meisten grossen Theatern in Europa ist die Kompanie ähnlich strukturiert wie in der Schweiz – deswegen Brisbane.

Wie ist das öffentliche Interesse am Ballett, wie das Medieninteresse? Reagieren die Zuschauer anders?

Das Queensland Ballett hat ein grosses Angebot an unterschiedlichen Sponsorenpaketen, da die staatliche Unterstützung nicht ausreichend ist. Die Ballettklassiker locken viele Zuschauer von nah und fern an, denn es gibt nur drei klassische Ballettkompagnien in ganz Australien. Nussknacker ist bereits 10 Monate vorher ausverkauft, oft werden Zusatzvorstellungen angehängt.

Der Applaus ist hier bedeutend länger, da die Solisten einzeln vor den Vorhang kommen und enthusiastisch beklatscht werden. Durch die vielen Kinder herrscht eine besondere schöne Stimmung. Die vielen Fanartikel wie Nussknackerpuppen, Getränkeflaschen, Taschen und Stickers sind bei den Kindern äusserst beliebt.

Für neugierige Zuschauer werden Treffen mit uns Tänzern vor und nach den Vorstellungen angeboten. Mir macht es Spass, die Fragen von Ballettfans zu beantworten und unseren Ballettalltag vorzustellen.

Der Ballettdirektor des QLB, Li Cunxin, ist ein weltberühmter Balletttänzer. Sein Leben wurde in Mao‘s Last Dancer verfilmt. Wie ist die Zusammenarbeit mit ihm?

 

Ich habe das Buch immer und immer wieder gelesen, erstmals als Siebenjährige. Täglich spürt man sein riesiges Engagement für Ballett und Tanz.

Li ist nicht nur Ballettdirektor, sondern er lebt für seine Kompanie. Er verbringt viel Zeit mit uns in den Proben, kümmert sich rührend um uns Tänzer und hilft uns, das gewaltige Pensum zu stemmen. Choreografieren möchte Li nicht, da er findet, ein Choreograf sehe die Tänzer anders als ein Ballettdirektor.

Hier wird sehr viel von uns jungen Tänzern verlangt: viele Vorstellungen, ein vielseitiges Repertoire, hoher tänzerischer Anspruch, flexible Rolleneinsätze und Zuschauerbetreuung. Für mich ist es eine riesige Herausforderung, aber mein Wunsch, viel auf der Bühne tanzen zu können, verwirklicht sich hier.

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Lou mit Patrick Bruppacher – Foto: Darrin Nguyen

Ein kurzer Einblick geben die beiden Videos vom Varna International Ballet Competition:

Video Sleeping Beauty 3. Akt

The other within – Lou’s eigene Choreografie
https://youtu.be/HC3xQJVQkfI

Im Western Australian erschien gerade ein Bericht über das Schaffen von Li Cunxin, Ballettdirektor Queensland Ballett.
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Author: ballettlovers

I danced ballet as child, albeit with little success. Despite this, my passion for ballet and dance has carried into adulthood. I still love to watch ballet performances and would love to share my passion with you.

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