Die herzliche Primaballerina

Interview mit KATJA WÜNSCHE

Katja Wünsche beeindruckte in diesem Jahr in vielen Rollen. Ihre Vielseitigkeit ist unglaublich. Als MYRTHA in dem Ballettklassiker GISELLE verkörperte sie die unnachgiebige Königin der Willis und brillierte in Technik und Ausdruck. Ihre ANNA KARENINA berührte zutiefst. Katja präsentierte diese tragische Frauenrolle extrem gefühlvoll. Als Frühlingsopfer in SACRE tanzte sie sich buchstäblich „die Seele aus dem Leib“. Ihre komische Seite zeigte sie in SKEW-WHIFF von PAUL LIGHTFOOT & SOL LEON. Im aktuellen Stück MESSA DA REQUIEM verzauberte sie das Publikum durch ihre enorme Präsenz und Ausstrahlungskraft.

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Die gebürtige Dresdnerin Katja Wünsche wurde an der Staatlichen Ballettschule Berlin ausgebildet, arbeitete sich dann bis zur ersten Solistin beim Stuttgarter Ballett hoch. 2011 kam sie mit Christian Spuck ans Ballett Zürich.

Ihre tänzerischen Leistungen wurden mit zahlreichen Preisen honoriert. So gewann sie 2007 den deutschen Tanzpreis „Zukunft“ und den Deutschen Theaterpreis „Der Faust“ für ihre beste darstellerische Leistung. 1999 erhielt sie den „Grand Prix d‘Eurovision für junge Tänzer”, 1998 belegte sie beim „Prix de Lausanne“ den zweiten Platz und erhielt den begehrten Publikumspreis. Aktuell wurde sie vom Dance for you Magazin zu einer der weltweit „10 most charming Ballerinas today “ gekürt.

Die berühmtesten Choreografen wie John Neumeier, Marcia Haydée, William Forsythe, Jiří Kylián, Paul Lightfoot/Sol Léon, Douglas Lee, Edward Clug und Marco Goecke wählten Katja für ihre Solos aus. Christian Spuck überzeugte die deutsche Primaballerina mit nach Zürich zu kommen, als er 2012 Ballettdirektor des Balletts Zürichs wurde.

Du bithumb_xi2qD3_resize_180_0.jpgst seit 2012 erste Solistin am Ballett Zürich. Welche Rollen waren Deine persönlichen Highlights in dieser Zeit?

Ich mag Stücke mit emotionaler Identität, in denen ich darstellerisch viel zeigen kann.

So durfte ich die Julia in der berühmtesten Liebesgeschichte der Welt in der Choreografie von Christian Spuck 2012 tanzen. Christian interpretierte ROMEO & JULIA sehr modern. Er kreierte für mich eine wunderschöne Rolle. Es war seine erste Uraufführung in Zürich. In Stuttgart tanzte ich auch schon die Julia in der berühmten Choreografie von John Cranko, die sich aber stark unterscheidet von der Version von Christian.

Mit der Rolle als ANNA KARENIA ging ein grosser Traum von mir in Erfüllung. Es hatte sich vorher in Stuttgart noch nicht ergeben, dass ich eine grosse Frauenrolle wie in den Cranko-Klasssikern tanzen durfte. Ich wollte schon immer eine reifere, starke Frau darstellen, die ihre Geschichte durchlebt und sich weiterentwickelt, so wie die Tatjana in ONEGIN oder die KAMELIENDAME. Bis dahin hatte ich junge Mädchen gespielt, was ich auch immer noch gerne mache. Aber diese Herausforderung wollte ich annehmen, denn die Darstellung einer grossen Persönlichkeit fehlte noch in meiner Karriere.

Körperlich sehr herausfordernd und sehr intensiv war auch 2015 die Zusammenarbeit mit dem Choreografen-Duo Sol León/Paul Lightfoot für SLEIGHT OF HAND. Dieses Stück hat eine besondere Ästhetik und leicht mystische Momente.


Für ANNA KARENINA musstest Du kurzfristig einspringen, da andere Tänzerinnen ausgefallen waren. Wie hast Du so schnell diese Rolle gelernt?

Die Rolle übernahm ich in gut einer Woche. Es war ein sehr spezieller Moment, mich so intensiv mit ANNA zu beschäftigen. Ich war nicht als Besetzung vorgesehen und probte für andere Rollen. So musste ich ganz schnell die Hauptrolle nachlernen. Also schaute ich die Videos an und schrieb die Schritte in meiner eigenen Sprache auf. In den Pausen am Morgen eignete ich mir dann die Schritte für die Pas de Deuxs und Pas de Trios an. Am Nachmittag waren die Proben im Ballettsaal mit meinen beiden Partnern, Alexander Jones und William Moore.

Am Abend lernte ich zu Hause in meiner Küche die Schritte für meine Solos. Ich gehe da sehr pragmatisch und diszipliniert vor. Mittlerweile bin ich auch erfahren und souverän genug, zu wissen, wie ich meine Rollen schnell lernen kann. Ich musste in meiner Karriere schon oft kurzfristig für Rollen einspringen. Unter Zeitdruck und mit genügend Adrenalin ist der Mensch zu erstaunlichen Dingen fähig. Es ist so, als ob alle Sinne geschärft sind und ich über mich hinaus wachse.

Ich werde meine ersten Bühnenprobe mit Orchester und Make-up nie vergessen. Da konnte ich erst Dreiviertel der Schritte von den Pas de Deuxs, meine Solos wusste ich noch gar nicht. Dann kam noch das Gastspiel in Maribor am Wochenende dazwischen, wo ich auch ein Pas de Deux in CHAMBER MINDS übernehmen musste. So hatte ich nur wenige Proben bis zur Wiederaufnahme in der folgenden Woche. Aber die Vorstellung war ein Erfolg.

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Wie kannst Du Dir all die Schritte und Bewegungen merken?

Es fällt mir nicht schwer, mir Schritte zu merken. Wir als Tänzer haben das schon früh gelernt. Auch trainieren und proben wir täglich bis die Stücke sitzen.

Rollen zu lernen ist für mich wie wenn ich verschiedenen Sprachen lerne. Das Alphabet ist das Gleiche, aber die Buchstaben sind anders zusammen gesetzt, die Grammatik und Intonation sind verschieden. So hat jede Rolle ihre besondere Bewegungssprache, eine eigene Dynamik und Interpretation.


Wie bereitest Du Dich auf die verschiedenen Rollen vor?

Die meisten Choreografen machen zu Beginn der Probenzeit eine kleine Einführung. Sie erklären den Inhalt und die Charaktere, stellen das Bühnenbild und die Kostüme vor. Zu diesem Zeitpunkt setze ich mich sehr mit meiner Rolle auseinander, mal lese ich ein Buch oder sehen einen Film darüber.

Jeder Choreograf hat eine andere Philosophie. Christian Spuck beispielsweise bespricht seine Choreografie mit uns Tänzern. Dann arbeiten wir gemeinsam an den Schritten. Christian zeigt etwas, ich übernehme es und er schaut, ob es ihm gefällt. Er verändert es, passt es an, feilt daran. Es ist ein Prozess, der sich immer weiter entwickelt bis die Choreografie fertig ist. Danach arbeiten wir an den Feinheiten.

In dieser Phase tauche ich voll in die Rolle ein. Dabei kommt viel spontan und intuitiv aus meinem Inneren, wenn ich in mich hinein höre. Die Arbeit am Ausdruck kommt immer als letztes, wenn alles andere sitzt.

Durch meine lange Erfahrung weiss ich, wie mein Körper funktioniert. Beispielsweise schlafe ich bewusst nur sieben Stunden, obwohl ich es geniesse auszuschlafen. Vor den Vorstellungen bin ich im Gegensatz zu anderen Tänzern aktiv. Bei ANNA KARENINA war ich vorher in der Migros einkaufen und bei MESSA DA REQUIEM sogar noch auf dem Crosstrainer.

Du hast die MYRTHA in GISELLE getanzt und dann das Frühlingsopfer in SACRE von Edward Clug. Zwei völlig unterschiedliche Rollen – eine ganz klassisch, die andere eine total moderne Interpretation. Was sind die Herausforderungen der unterschiedlichen Ballettrichtungen?

Ich habe immer sehr gerne klassisches Ballett getanzt, obwohl es konditionell sehr anstrengend ist. Es fordert den Körper ganz anders als modernes Ballett. Es braucht mehr Technik, mehr Disziplin, mehr Härte, mehr Kontrolle, mehr Sprünge. Die ganze Muskulatur arbeitet anders. Nach zwei Wochen Vorbereitung auf MYRTHA war ich in Topform. Es tat mir gut, mich zusammen zu reissen. Meine Muskeln wurden ganz lang, mein Körper veränderte sich.

Unser Arbeitstag beginnt immer mit dem klassischen Training. Das ist die Grundlage. Jeder Tanz basiert auf klassischem Ballett. Auch wenn ich jetzt mehr modern tanze, brauche ich das klassische, harte Training.

Beim modernen Tanz braucht man auch Muskulatur, Kontrolle und Disziplin, aber auf eine ganz andere Weise. Da ich eher ein sportlicher Typ bin, bringe ich die körperlichen Voraussetzungen mit. Die Choreografen besetzen mich gerne in zeitgenössischen Stücken, denn sie sehen in mir eine moderne Ballerina, und stecken mich selten in ein Tutu.

SACRE hat sich mittlerweile zu einem meiner Lieblingsstücke entwickelt. Es ist so emotional. Da kann ich meine Gefühle richtig ausleben und mich dem Stück hingeben.

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Vorankündigung
Katja Wünsche tanzt ab Januar 2017 wieder in ANNA KARENINA und MESSA DA REQUIEM.

Quelle: Fotos von Website des Ballett Zürichs
https://www.opernhaus.ch/ueber-uns/ballett-zuerich/

Author: ballettlovers

I danced ballet as child, albeit with little success. Despite this, my passion for ballet and dance has carried into adulthood. I still love to watch ballet performances and would love to share my passion with you.

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