Was macht eigentlich eine Choreologin?

Dritter Teil des Interviews mit Birgit Deharde über ihre Arbeit als freischaffende Choreologin

Im Mai studierte Birgit Deharde “DER SANDMANN” mit dem Ballett Zürich ein. Die Schweizerische Erstaufführung fand am 28. Mai 2016 statt. Schon bei der Uraufführung  dieses Balletts 2006 in Stuttgart arbeitete Birgit als Choreologin für Christian Spuck. Sie schrieb die Original-Choreografie in eine Partitur, die sie jetzt als Basis für ihre Arbeit am Opernhaus Zürich verwendete.

Näheres dazu in meinem Blog „Wie kann man Tanz aufschreiben?“ und „Wie der Sandmann nach Zürich kommt!“

Wie wird man Choreologin?    
Während meiner Tanzausbildung an der Ballettschule des Hamburger Balletts habe ich die Choreologie kennen gelernt. Das hat mich fasziniert. Aufgrund von Verletzungen habe ich dann früh entschieden, das Tanzen aufzugeben und Choreologie am Benesh Movement Institute in London zu studieren. 16 Monate dauerte die Ausbildung. Es war viel Theorie, aber auch viel praktischer Unterricht. Eine unglaublich intensive Zeit.

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Beispiel einer einfachen Notation: Quelle rad.org.uk

Du warst dann beim Stuttgarter Ballett angestellt?
Ja, ich konnte von der bekannten Choreologin Georgette Tsinguirides sehr viel lernen. Erst war es meine Aufgabe, alte Partituren ins Reine zu schreiben. Danach kam die interessantere Arbeit im Ballettsaal. Ich durfte immer mehr Stücke betreuen. Auch ausserhalb von Stuttgart habe ich John Cranko-Ballette mit anderen Kompanien einstudieren können.

Kannst Du uns Deine Arbeit als Choreologin beschreiben?    
Bei neuen Stücken schreibe ich alle Schritte und Bewegungen in einer Partitur auf. Zusätzlich mache ich Notizen über die Charaktere, Mimik, Stimmung, Besonderheiten.
Es macht nur Sinn ein Stück aufzuschreiben, wenn die Wahrscheinlichkeit besteht, dass es wieder gezeigt werden soll. Denn die Reinschrift dauert einige Wochen. Nur mit einer wirklich gut dokumentierten Partitur kann ein Ballett originalgetreu wiederaufgenommen werden.

Bei vorhandenen Choreografien wie die von John Cranko arbeite ich mich in die bestehenden Notationen intensiv ein bevor die Einstudierungen mit den Tänzern losgehen. Das kann ein wochenlanger Prozess sein, denn die Tanzschrift ist nicht so einfach zu lesen wie ein Buch. Als Choreologin muss ich mich in die Ballette reindenken und alle Aufzeichnungen und Videos anschauen bis ich das Stück sozusagen vollkommen kenne und alle Schritte “im Kopf” habe.
Auf diese Weise können alte Choreografien wiederbelebt werden. Wenn der Choreograf schon tot ist wie Cranko, ist es extrem wichtig, die Choreografie im Original zu erhalten.

Wie merken sich die Tänzer die Schritte?
Tänzer, die ja mit Bewegung gross werden, können sich in der Regel die Schritte recht gut merken. Aber auch da gibt es Unterschiede, wie schnell der Einzelne lernt. Es braucht viel Konzentration beim Einstudieren. Die Tänzer entwickeln eine sogenannte Körper-Memory. Sie merken, was sich richtig anfühlt und üben die Ballette bis sie sie “im Schlaf” können. Die Ballettmeister überprüfen täglich alle Schritte bei den Proben.

Du hast schon viele Ballette bedeutender Choreografen einstudiert. Von wem denn?
Ich habe Einstudierungen von John Cranko, Marcia Haydée, Christian Spuck, Cynthia Harvey und Anna Marie Holmes durchgeführt. Von Kevin O’day und Liam Scarlett habe ich Produktionen notiert, die aber noch nicht aufgeführt wurden. Zusammen mit Egon Madsen und Richard Cragun konnte ich Stücke einstudieren.

Ist die Benesh Notation weltweit die gleiche? Hat sich die Tanzschrift weiterentwickelt?
Es gibt auch andere Tanznotation, aber die Benesh Movement Notation wird meist für Ballette verwendet und ist weltweit die gleiche. Ich sollte mal wieder einen Refrescherkurs machen, da sich auch hier einiges geändert hat. Das sind aber nur Kleinigkeiten. Die wesentlichen Notationen sind gleich geblieben.

Gibt es noch keine Software dafür?  
Doch es gibt eine Software, die aber sehr schwierig anzuwenden ist. Dieses Notation Editor erleichtert das elektronische Bearbeiten, wenn Wiederholungen oder Änderungen einzufügen sind. Vor Jahren hatte ich eine Schulung dazu. Aber es braucht sehr viel Zeit, das Programm richtig zu beherrschen. Ich mag aber das Handschriftliche, denn ich bin damit wesentlich schnellerEinige Kompanien haben das Programm gekauft, aber ich kenne keinen Choreologen, der das Programm tatsächlich benutzt.

Die beiden anderen Interview mit Birgit “Wie kann man Tanz aufschreiben?” und “Wie DER SANDMANN nach Zürich kommt”sind in meinem Blog zu finden.

Birgit, ganz herzlichen Dank für das umfangreiche Interview, bei dem ich so viel lernen konnte. Ich wünsche Dir weiterhin viel Erfolg bei Deiner Arbeit.

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BIRGIT DEHARDE wurde in Bremen geboren und erhielt ihre Tanzausbildung an der Bremer Ballettschule Davenport und der Ballettschule der Hamburgischen Staatsoper. 1994 nahm sie ihr Studium als Choreologin am Institute of Choreology in London auf und wurde 3 Jahre später ans Stuttgarter Ballett engagiert, wo sie 12 Jahre als Choreologie, Ballettmeisterin und choreologische Assistentin tätig war. Arbeitsprojekte als Gastchoreologin führten Birgit Deharde zum Türkischen Nationalballett, Ungarischen Nationalballett, Ballett der Mailänder Scala, Norwegischen Nationalballett, Finnischen Nationalballett, Lettischen Nationalballett, Staatsballett Berlin und zum Ballett Zürich. Bei Einstudierungen von “Romeo und Julia”, “Der Widerspenstigen Zähmung”, “Onegin” arbeitete Birgit Deharde Seite an Seite mit Persönlichkeiten wie Marcia Haydée, Egon Madsen und Richard Cragun. Seit 2009 ist sie als freischaffende Choreologin weltweit tätig.

 

Author: ballettlovers

I danced ballet as child, albeit with little success. Despite this, my passion for ballet and dance has carried into adulthood. I still love to watch ballet performances and would love to share my passion with you.

3 thoughts on “Was macht eigentlich eine Choreologin?”

  1. Tanzen ist ein wunderbarer Körper und Geist trainieren. Die Vorteile des Tanzes sind Gewichtsverlust , Stärkung und Straffung des Körpers, erhöhen die Ausdauer und Beweglichkeit, verbesserte Körperhaltung und Balance und Stärkung des Vertrauens.

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